· 

Interview mit mir selbst

Welche Diagnose(n) wurde(n) bei Dir gestellt?

Eine Bipolar-II-Störung mit zum Teil schweren rezidivierenden depressiven Episoden. Darüber hinaus Insomnie, Restless-Legs-Syndrom und ADHS.

 

 

 Bipolar-II-Störung - Was genau ist das?

Im Gegensatz zur "klassischen" manisch-depressiven Erkrankung (Bipolar-I-Störung), in der sich oft langanhaltende depressive und manische Phasen mit relativ "normalen" Stimmungszuständen abwechseln, sind bei Bipolar-II-Störungen die depressiven Episoden meist schwerer und dauern länger. Die manischen Phasen ("Hypomanie") sind dagegen oft nicht so stark ausgeprägt wie "richtige" Manien und dauern auch nicht so lange.

 

 

Wie kam es dazu, daß Du Dich in ärztliche Behandlung begeben hast und die Diagnose gestellt werden konnte?

Ich hatte bereits seit Jahren immer wieder mit "Stimmungsschwankungen" zu kämpfen. Außerdem war ich häufig erkältet, hatte Magengeschwüre und ständig Kopf- und Rückenschmerzen.

Mitte der 1990er Jahre war ich zum ersten Mal - auf Anraten meines Hausarztes - beim Neurologen, weil es mir wirklich sehr schlecht ging. Diagnose: Depressionen. Ich war allerdings nicht länger dort in Behandlung, da ich mit dem Arzt überhaupt nicht klarkam.

Die nächsten 10 Jahre habe ich dann, teilweise mehr schlecht als recht, vor mich hingelebt bzw. -gelitten, bis ich 2006 bei meinem damaligen Hausarzt quasi einen Nervenzusammenbruch hatte. Daraufhin begab ich mich dann in psychiatrische und psychotherapeutische Behandlung - als es fast zu spät war.

Im Nachhinein - auch durch den langen Klinikaufenthalt von 12 Monaten - ist klar geworden, daß ich bipolar bin und das vermutlich bereits seit Ende der 1980er Jahre.

 

 

Wieso war es fast zu spät?

Es ging mir damals wirklich sehr schlecht. Ich sah keinen Ausweg mehr aus diesem Höllenloch, immer häufiger kreisten meine Gedanken um Suizid. Aus diesem Grund empfahl meine Ärztin schließlich dringend eine stationäre Behandlung.

 

 

Warum wurde die Erkrankung erst so spät diagnostiziert?

Eine solche Störung kann nun - leider - nicht durch eine Blutuntersuchung oder Röntgenaufnahme oder Ähnliches festgestellt werden. Das geht nur im Rahmen einer Anamnese. Dazu sind ausführliche Gespräche und Befragungen erforderlich. Mein kompletter Lebenslauf wurde dabei auseinandergenommen, wieder zusammengesetzt und untersucht.

Hierzu ist natürlich ein gewisses Vertrauen zum Arzt/Therapeuten und viel Zeit erforderlich. Beides war während meines Klinikaufenthaltes gegeben.

 

 

Wie hast Du die Diagnose aufgenommen und wie gehst Du mit der Erkrankung um?

Es war für mich sehr, sehr schwer. Ich bin immer "die Starke" gewesen, die mit Allem irgendwie klarkommt. Das funktionierte einfach nicht mehr. Es war mir nicht mehr möglich, 110 Prozent zu geben. Selbst die 100 Prozent schaffe ich nicht mehr.

Niemand will krank sein. Ich wollte weiter arbeiten gehen, meinen Lebensunterhalt verdienen, unabhängig sein.

Es hat sehr lange gedauert, die Krankheit und die damit verbundenen Einschränkungen zu akzeptieren. Letztendlich gelang mir das nur mit Hilfe meiner Therapeutin, meiner Psychiaterin und meiner Familie, insbesondere meines Mannes, obwohl ich immer noch nicht vollständig dazu in der Lage bin.

Aber man lernt, sich damit zu arrangieren. Man muß das lernen, vorallem bei einem schweren Verlauf der Erkrankung.

 

 

Welche Einschränkungen vreursacht denn die Erkrankung für Dich? Wie hat sie Dein Leben verändert?

Ich bin kaum noch belastbar, mit ein Grund für meine Rente wegen voller Erwerbsminderung. Mich drei Stunden oder mehr am Stück mit einer Sache zu befassen ist nicht möglich. Meist ist nach spätestens eineinhalb bis zwei Sunden das Ende der Fahnenstange erreicht. Auch dieses Interview fand in diversen "Sitzungen" statt.

Ich kann mich nicht lange auf eine Sache konzentrieren und meine Streßtoleranz ist recht gering, ich bin extrem dünnhäutig. Auch bin ich durch die Schlafstörungen häufig müde und erschöpft.

Nicht mehr in der Lage zu sein, arbeiten zu gehen und meinen Lebensunterhalt selbst zu verdienen, war ein massiver Einschnitt für mich. Nicht nur wegen des geringeren Einkommens, mehr noch wegen der fehlenden Anerkennung. Die fehlende Tagesstruktur ist für mich ebenfalls problematisch. Gerade bei dieser Erkrankung ist ja ein geregelter Tagesablauf wichtig. Es ist aber nicht einfach, einen solchen einzuhalten, wenn man den ganzen Tag allein zu Hause ist und dazu neigt, Dinge aufzuschieben.

 

 

Hast Du jemals Angst gehabt, anderen von Deiner Erkrankung zu erzählen? Wurdest Du wegen der Krankheit diskriminiert oder sonst anders behandelt?

Anfangs habe ich mich sehr damit zurückgehalten, anderen von der Erkrankung zu erzählen. Es war mir selbst peinlich. Und ich hatte Angst vor der Reaktion der Anderen. Tatsächlich habe ich auch negative Reaktionen erfahren, sogar von Ärzten, was ich extrem befremdlich fand. In der Gesellschaft werden leider oft noch Unterschiede gemacht zwischen physischen und psychischen Erkrankungen. Physische Erkrankungen oder Behinderungen, die man sehen kann, scheinen generell mehr Akzeptanz zu finden. Wirklich diskriminiert worden bin ich bisher aber noch nicht. Das mag zum Teil aber auch daran liegen, daß ich nach der Diagnose recht schnell aus dem Beruf ausgeschieden bin.

Mittlerweile gehe ich sehr offen damit um. Wenn jemand damit Probleme hat --- ist es ihr/sein Problem. Ich kann gut auf negative Menschen in meinem Umfeld verzichten.

 

 

Warum glaubst Du, ist die Akzeptanz bei physischen Erkrankungen höher?

Ich denke, daß bei allen schweren Erkrankungen und bei Behinderungen bei vielen Menschen Unsicherheiten bestehen. Bei psychischen Behinderungen/Erkrankungen ist das ausgeprägter, vielleicht auch, weil man diese nicht unbedingt sehen kann. Es gibt allerdings auch andere Erkrankungen, auf die das zutrifft, z. B. Multiple Sklerose oder Fibromyalgie. Diese Krankheiten sind oft bei jedem Patienten anders ausgeprägt, die Verläufe unterscheiden sich. Das verstärkt noch die Unsicherheiten und macht auch Angst. Mehr Wissen über die Erkrankungen kann meiner Erfahrung nach diese Ängste mindern und auch die Hilflosigkeit zumindest teilweise beseitigen.

 

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 0