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Was bedeutet "bipolar"?

Was bedeutet eigentlich "Bipolar"?

Um es gleich vorweg zu nehmen, weise ich hier nochmal darauf hin, dass ich kein Mediziner bin, deshalb erläutere ich die Begriffe hier nur aus meiner Sicht unter Berücksichtigung meiner Erfahrungen. Krankheitsbilder und –verläufe können voneinander abweichen. Jeder Mensch ist anders, empfindet Dinge auch anders.

 

Mir sind schon Menschen begegnet, die eine Bipolare Erkrankung einfach „nur“ als ausgeprägte Stimmungsschwankungen abtun. Himmelhochjauchzend – Zu Tode betrübt. Es handelt sich jedoch um eine ernstzunehmende Erkrankung, die der Behandlung bedarf. Laut WHO ist es eine der schwersten psychischen Erkrankungen mit einem 20mal höheren Suizidrisiko als beim Rest der Bevölkerung.

 

Am bekanntesten ist wohl der Begriff „manisch-depressiv“, das ist die Bipolar-I-Störung. Bei mir wurde die Bipolar-II-Störung diagnostiziert, das heißt, ich bin „hypoman-depressiv“. Die Hypomanie ist eine schwächere Form der Manie und stellt manchmal auch die Vorstufe zu einer „ausgewachsenen“ Manie dar. Wobei ich hier nicht die Aussage treffen möchte, die Hypomanie oder die Bipolar-II-Störung sei „weniger schlimm“ als die Manie und die Bipolar-I-Erkrankung. Meist wird gesagt, dass der Unterschied darin besteht, dass bei der Bipolar-II-Störung die manischen Phasen weniger ausgeprägt, dafür die depressiven meist schlimmer sind und länger andauern als bei der Bipolar-I-Störung. Ich selbst habe auch schon manische Phasen gehabt sowie auch Mischphasen, auf die ich später noch kurz eingehen werde.

 

 Während einer hypomanischen bzw. manischen Phase „leidet“ man an einem übersteigerten Hochgefühl und oft guter Laune. Klingt erstmal nicht schlimm, oder? Ich setze „leidet“ in Anführungszeichen, weil man selbst das auch nicht als Leiden empfindet. Und als Laie denkt man wahrscheinlich, dass eine Manie dann wohl eigentlich etwas Gutes ist, zumal das Ganze gleichzeitig mit einer erhöhten Leistungsfähigkeit und Kreativität einhergeht. Man kommt in der Regel mit sehr wenig Schlaf aus. Mir reichen dann meist zwei bis drei Stunden pro Nacht und ich bin trotzdem „fit wie ein Turnschuh“.

 

Leider sind diese Phasen aber alles andere als gut. (Hypo-)Maniker haben meist auch ein übersteigertes Selbstwertgefühl, verbunden mit einer ausgeprägten Risikobereitschaft in allen möglichen Bereichen (finanziell, sexuell…). Und das kann schnell zum Problem werden. So ein manischer Kaufrausch hat auch schon den einen oder anderen in den Ruin getrieben…

 

Während einer hypomanen/manischen Phase habe ich zwar zum Teil übertrieben gute Laune, aber das kann schnell ins Gegenteil umschlagen. Man ist extrem schnell gereizt und reagiert ungehalten, wenn einem jemand oder etwas auf die Nerven geht. Und sei es einfach nur, weil derjenige mir im Gespräch nicht folgen kann, weil ich im Nullkommanichts von Hütchen auf Stöckchen komme. Ich stehe ständig unter Strom, bekomme aber nicht wirklich etwas auf die Reihe, weil ich alles Mögliche anfange, aber nichts zu Ende bringe.

 

Andere Menschen, die nicht wissen, dass man krank ist oder es nicht verstehen, fühlen sich oftmals vom Verhalten (hypo-)manischer Menschen vor den Kopf gestoßen.

Nach einer depressiven Phase empfindet man als Betroffene/r die (Hypo-)Manie als ausgesprochen angenehm. Ich weiß jedoch aus eigener, leidvoller Erfahrung, dass (zumindest bei mir) auf eine solche Phase in der Regel ein tiefer Absturz folgt. Dann ist ganz schnell mein graues Monster, die Depression, wieder da.

 

Viele meinen, dass eine Depression eine tiefe Traurigkeit darstellt. Für mich – und wohl auch für viele andere Betroffene – bedeutet es jedoch eher, dass man nichts fühlt. Ich bin nicht traurig, auch wenn etwas Trauriges geschieht. Genauso wenig kann ich mich aber über irgendetwas freuen.

 

Ich würde am liebsten den ganzen Tag im Bett liegenbleiben und schlafen, habe aber zugleich massive Ein- und Durchschlafstörungen. Meine Konzentrationsstörungen sind noch ausgeprägter als sonst. Ich fühle mich nur noch müde und schlapp, habe keine Lust und auch nicht den Antrieb, irgendetwas zu tun. Mich interessiert so gut wie nichts mehr. Ich bin nicht in der Lage, unter Menschen zu gehen, einfach, weil es zu anstrengend ist.

Man fühlt sich nutzlos, hoffnungslos, wertlos.

 

Außerdem habe ich dann vermehrt mit Schmerzen zu kämpfen – Kopfschmerzen, Rückenschmerzen, Gelenkschmerzen. An manchen Tagen tut mit dann einfach alles weh. Und wenn es ganz schlimm ist, möchte man einfach nur noch, dass alles endlich aufhört…

Noch schlimmer ist es, wenn Mischphasen bei mir auftreten. Im Prinzip habe ich dann das „volle Programm“ einer Depression verbunden mit einem erhöhten Antrieb wie bei einer Manie. Und gerade das macht diese Phasen so gefährlich, da das Suizidrisiko höher ist als in einer rein depressiven Phase.

 

Leider gibt es keine einfachen Tests, Laboruntersuchungen oder ähnliches, um eine Bipolare Störung zu diagnostizieren. Das geht nur anhand einer ausführlichen Anamnese, die auch nicht bei einem einmaligen Arztbesuch durchgeführt werden kann. Lt. Der DGBS (Deutsche Gesellschaft für Bipolare Störungen e. V.) wird bei 60 % der Patienten eine Fehldiagnose gestellt. Das Problem ist, dass die Erkrankung erst nach mehreren Krankheitsepisoden festgestellt werden kann.

Häufig - und so war es auch bei mir - lautet eine der ersten Diagnosen "Depressionen". Das liegt zum Teil daran, dass die (hypo-)manischen Phasen von den Betroffenen nicht als Problem erkannt bzw. empfunden werden. Außerdem ist die Hemmschwelle, bei psychischen Erkrankungen einen (Fach-)Arzt aufzusuchen, leider immer noch recht hoch.

 

Im Schnitt dauert es 10 Jahre vom Auftreten der ersten Symptome bis zur Diagnose. Bei mir traten die ersten Symptome auf, als ich Anfang 20 war. Die Diagnose „Bipolar II mit schweren rezidivierenden Depressionen“ bekam ich mit 37.

 

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