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Offener Brief an meine Krankheit

Offener Brief an meine bipolare Erkrankung

 

An mein Monster,

 

 Du bist das Schlimmste, was mir je passiert ist. So etwas wie Dich wünsche ich meinem ärgsten Feind nicht. Du kommst einfach in mein Leben und versuchst, die Kontrolle zu übernehmen. Manchmal schaffst Du es leider auch, manchmal auch nicht.

 

Du raubst mir den letzten Nerv, saugst mir den letzten Rest meiner Kraft aus und stiehlst meine Zuversicht. Dann wieder pumpst Du mich mit Energie voll und sorgst dafür, dass ich anderen den letzten Nerv raube.

 

Du bist ein ungebetener Gast, der sich manchmal ankündigt und der manchmal vollkommen unerwartet vor der Tür steht und sich gewaltsam Zutritt verschafft. Oder Du schleichst Dich in mein Leben wie ein Dieb in der Nacht, leise und langsam.

 

Ich hasse Dich, wie ich nichts und niemand bisher gehasst habe.

 

Als graues Monster sorgst Du dafür, dass ich mich vollkommen leer fühle. Ohne Leben, ohne Liebe oder sonstige Gefühle, ohne Hoffnung. Ich bin dann einfach nur eine leere Hülle. Du bringst mich dazu, über den Tod nachzudenken – und über Wege, ihn herbeizuführen, um diese leere Hülle abzustreifen.

 

Als durchgeknallter Psychopath bringst Du mich dazu, auszuflippen, Dinge zu tun, die ich bei klarem Verstand niemals tun würde. Du machst mich reizbar, überdreht.

 

Ständig kämpfe ich gegen Dich an, egal, welches Kostüm Du gerade trägst. Manchmal bin ich kurz davor, aufzugeben. Weil ich weiß, dass ich sonst diesen Kampf bis an mein Lebensende führen werde. Ich werde Dich wahrscheinlich nie endgültig besiegen, aber ich kann Schlachten gewinnen. Und ich weiß, dass ich aus jeder dieser gewonnenen Schlachten stärker hervorgehe.

 

Einfach, weil ich überleben will. Vielleicht nicht einmal so sehr für mich, sondern auch für andere. Und weil ich hoffe, anderen Mut machen zu können.

Gleichzeitig kann ich durch Dich Zeiten, in denen es mir gut geht, besser genießen. Ich glaube, ich kann mich auch besser in andere Menschen hineinversetzen. Ich bin viel geduldiger geworden – zwar weniger mir selbst gegenüber, aber gegenüber anderen. Zumindest, wenn ich nicht gerade manisch bin.

 

Ich kann versuchen, andere Menschen über Dich zu informieren, ihnen sagen, was Du bist, wer Du bist, wie Du bist. Damit sie die Angst verlieren. Und die Vorurteile. Damit andere Erkrankte in der Zukunft nicht derselben Stigmatisierung ausgesetzt sind wie ich es war und zum Teil noch immer bin.

 

FUCK YOU! Ich werde weiterkämpfen!

 

Ich

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Kommentare: 2
  • #1

    Karin Tillmanns (Samstag, 14 Oktober 2017 10:29)

    Hast du es schon mal mit Lithium probiert? Ist auch nicht schön, aber hilft Vielen.

  • #2

    Evelyn (Samstag, 14 Oktober 2017 10:42)

    Hallo Karin, ich nehme diverse Medikamente, unter anderem auch Lithium. Trotzdem kommt es bei mir zu depressiven und auch hypomanen Episoden, glücklicherweise deutlich abgeschwächt und verkürzt. Liebe Grüße, Evelyn