· 

Entstigmatisierung

Psychisch krank zu sein ist nicht gerade einfach. Und immer wieder hören zu müssen, man solle sich doch einfach mal ein wenig zusammenreißen, macht die Sache nicht einfacher.

 

Psychische Erkrankungen sind genau das – Erkrankungen. Die Betroffenen haben sich das nicht ausgesucht oder selbst verursacht. Sie sind auch kein Zeichen von Schwäche, weder charakterlich noch mental. Es sind Krankheiten, die in den meisten Fällen auch behandlungsbedürftig sind.

 

Manchmal wird es still, wenn man einen Raum betritt, oder aber auch lauter, weil alle anfangen, mehr oder weniger leise zu tuscheln. (Sogenannte) Freunde wenden sich von einem ab. Arbeitskollegen und Vorgesetzte ebenfalls. Oder die Krankheit wird am Arbeitsplatz „totgeschwiegen“, weil niemand sich mit diesem Thema auseinandersetzen will.

 

Viele Menschen mit bipolarer Störung oder Depressionen trauen sich nicht, über ihre Erkrankung zu sprechen, weil die Gesellschaft leider immer noch ignorant und/oder diskriminierend auf psychische Erkrankungen reagiert. Ich habe aber selbst schon festgestellt, dass das ein Teufelskreis ist. 

 

Die Gesellschaft begreift die bipolare Störung oder die Depression nicht als ernstzunehmende Erkrankung, sondern als etwas, dass der Betroffene durch eine positive Einstellung, einen „besseren Lebenswandel“, Sport oder ein neues Hobby wieder loswerden kann.

 

Ein wichtiger Schritt zu einer Entstigmatisierung wäre vielleicht, Begriffe deutlicher abzugrenzen. Es heißt beispielsweise BIPOLAR, nicht VERRÜCKT.

 

Das Wort DEPRIMIERT wird zu häufig gebraucht, um auszudrücken, dass jemand traurig ist. Also, Leute, wenn ihr traurig seid, dann sagt das auch so. DEPRIMIERT zu sein ist etwas völlig anderes (und viel schlimmer).

 

Ebenso blöde finde ich es, wenn Antriebslosigkeit mit Lustlosigkeit gleichgesetzt wird. Das impliziert, dass wir nicht WOLLEN. Tatsächlich ist es aber so, dass wir nicht KÖNNEN (wie wir wollen). Und das ist ein riesiger Unterschied.

 

Es liegt aber auch viel an den Erkrankten selber, wie sie behandelt werden. Ich empfinde es daher als wichtig, sich selbst und die Krankheit zu akzeptieren. Lernt, euch nicht mehr für sie und euch selbst zu schämen. Wie sollen andere euch akzeptieren, wenn ihr euch für euch selbst  oder eure Krankheit schämt?

 

Informiert euch selbst über eure Krankheit, nutzt dazu das Internet, sprecht mit Ärzten und Therapeuten darüber, besucht Info-Veranstaltungen. In der Klinik, in der ich war, wurden zum Beispiel Info-Veranstaltungen für Betroffene und für Angehörige angeboten, in vielen Städten gibt es zur "Woche der Seelischen Gesundheit" ( aktionswoche.seelischegesundheit.net ) Veranstaltungen. Es gibt Selbsthilfe-Organisationen. Oder ihr lest Bücher und macht euch auf diese Weise schlau. 

 

Nur dann könnt ihr auch andere über eure Krankheit informieren, ihnen erklären, wie ihr euch fühlt und auch warum das so ist. Das Wissen über die Bipolare Störung oder über Depressionen ist ein wichtiger Baustein, um Vorurteile abzubauen. 

 

Macht anderen klar, wenn ihr euch stigmatisiert fühlt - und warum. Bei vielen Mitmenschen ist es einfach Ignoranz, die zu ihrem Verhalten führt. Oft verändert sich das Verhalten schlagartig, wenn sie darauf aufmerksam gemacht werden.

 

Und nein, nicht alle Menschen mit bipolarer Störung oder mit Depressionen sind durchgeknallte Irre, die Amok laufen oder Flugzeuge in Felswände fliegen, „nur“ um Suizid zu begehen. Ganz im Gegenteil – ich selbst bin normalerweise froh, wenn ich in Ruhe zu Hause hocken kann. Und ich mache mir viel zu viele Gedanken um und über andere Menschen, als das ich ihnen etwas antun könnte…

 

Ihr könnt also ruhig näherkommen (aber nicht unbedingt zu nah ;) ), freundlich sein und mir die Hand geben. Sollte ich gerade eine Grippe oder so etwas haben, dann könntet ihr euch anstecken. Aber das bezieht sich nur auf die Grippe – nicht auf die bipolare Störung. Die ist nämlich nicht ansteckend!

 

So, jetzt muss ich mir nur noch beibringen, mich nicht selbst zu stigmatisieren. Denn leider macht die Krankheit mich selbst oft zu meinem größten Feind.

Kommentar schreiben

Kommentare: 0