Die totale Erschöpfung

Die totale Erschöpfung

Und da ist sie wieder - die totale Erschöpfung.

 

Ich habe ein paar gute Wochen gehabt, fast schon zu gut. Allerdings mit einigen hypomanen Tagen dazwischen. Am Sonntag dann das Highlight: beim Familienfest unserer SPD vor Ort mitgeholfen. Viele Menschen, viel Stress.

Die Quittung bekam ich dann am Montag: fix und fertig. Physisch und Psychisch. Jede Faser meines Körpers tat mir weh, jedes Gelenk, jeder Muskel. Von der Anspannung am Tag vorher. Weil ich mich immer vollkommen verkrampfe, wenn ich unter Stress stehe. Dadurch habe ich am nächsten Tag regelrecht Muskelkater.

 

Noch schlimmer ist allerdings meine psychische Verfassung. Ich bin quasi in ein dunkles Loch gefallen, und das "Graue Ungetüm" ist auch wieder da. Ich will gar nicht erst aufstehen, jede Tätigkeit, und mag sie noch so belanglos erscheinen, ist ein mentaler (und körperlicher) Kraftakt. Ich quäle mich dennoch aus dem Bett, obwohl ich liegenbleiben möchte - der Hund muss ja raus. Ich möchte mich in meine Decke einwickeln und weinen, weinen, weinen. Oder einfach nur daliegen. Nichts tun, nicht denken, nicht fühlen.

 

Zähneputzen, Duschen Anziehen, Frühstücken. Für die meisten Menschen ist das nichts, über das man groß nachdenken müsste. Man tut es einfach, ohne Probleme. Für mich ist das jedoch, als hätte ich stundenlange Schwerstarbeit hinter mir, für die ich zusätzlich noch höchste Konzentration aufbringen muss. Dementsprechend bin ich anschließend erst recht am Ende.

 

In den letzten Wochen habe ich gewissermaßen auf diese Erschöpfung "hingearbeitet". Ich bin häufiger unter Leute gegangen, habe hier mitgeholfen, habe da mitgemacht. Und ich hatte Spaß dabei. Aber mir war vorher schon klar, daß das irgendwann ein Ende hat. Mir war auch klar, daß es kein langsamer Abstieg wird, sondern daß ich im freien Fall einen Abgrund - meinen Abgrund - hinunterstürzen würde. 

Aber wenn es mir mal halbwegs gut geht, möchte ich auch ab und zu etwas unternehmen. Genaugenommen weiß ich auch, wenn ich mir zuviel zumute. Ich tue es aber trotzdem. 

 

Es ist aber nicht nur diese "totale" Erschöpfung, mit der ich zu kämpfen habe. Selbst in guten Zeiten ist das, was man eine "Grund-Erschöpfung" nennen könnte, immer da.

Das Lächeln, die Maske, die man aufsetzt, wenn man auf andere Menschen trifft, wenn man eigentlich nur weglaufen und sich irgendwo verstecken möchte. An manchen Tagen ist jede Form der sozialen Interaktion ein Horrortrip. Das Telefon ist ein Schreckgespenst. Selbst nach dem kürzesten Gespräch ist man wie ausgelaugt. 

Speziell wenn ich mit mehreren Menschen gleichzeitig zusammen bin, habe ich irgendwann das Gefühl, daß Nebelschwaden in meinem Kopf umherwabern. Ich bin nicht mehr in der Lage, den Gesprächen zu folgen und kann mich auch nicht mehr auf einzelne Gedanken konzentrieren.

 

Oft bin ich auch kaum oder gar nicht in der Lage, mich um alltägliche Kleinigkeiten zu kümmern. Einkaufen gehen, putzen, aufräumen, kochen - alles ist so dermaßen anstrengend, daß man sich anschließend erst einmal längere Zeit ausruhen muß - wenn ich denn überhaupt irgendetwas davon hinbekomme.

 

Es ist ein ständiger, zermürbender Krieg, den man mit sich selbst und gegen die Erkrankung führt. Und gegen die mentale, emotionale und auch körperliche Entkräftung. Die sich immer wiederholenden Schlachten dieses Krieges verschlimmmern die Erkrankung häufig noch. Und machen Angst.

 

Leider gibt es wenig, was mir gegen diese Kraftlosigkeit hilft - außer ausruhen. Und selbst das ist nicht so einfach. Ich gehe früh ins Bett, um dann bis drei oder vier Uhr morgens wach zu liegen. Am schlimmsten ist es, wenn dann auch noch das Restless-Legs-Syndrom "zuschlägt", was bei totaler Erschöpfung bei mir fast immer der Fall ist. Sobald sich mein Körper im Ruhezustand befindet, geht es los: Tausende von Ameisen laufen über meine Beine, durch meine Adern, an meinen Nerven entlang. Zusätzlich ist da dieser unsägliche Drang, die Beine zu bewegen. Ich versuche, diesen Drang zu unterdrücken, bis es nicht mehr geht. Dann fangen meine Beine an zu tanzen, zu treten. Mein Mann hat dann schon mal versucht, meine Beine festzuhalten - er hatte keine Chance, so heftig sind die Tritte. Die Bewegung führt zu einer kurzzeitigen Entlastung - sehr kurzzeitig, nähmlich etwa 5 - 15 Sekunden. Danach geht das Ganze von vorne los.

 

Ich habe hier immer nur "Erkrankung" geschrieben, weil ich psychische Erkrankungen im Allgemeinen meine. Diese Erschöpfung tritt sicher nicht nur bei Depressionen und Bipolaren Störungen , sondern auch bei vielen anderen psychischen Erkrankungen auf.

 

Ich versuche immer noch herauszufinden, wie sich diese Erschöpfungszustände vermeiden lassen oder was man tun kann, um sich schneller zu regenerieren. 

Oder auch nur einen Weg zu finden, anderen Menschen diese Erschöpfung zu beschreiben, zu erklären, verständlich zu machen. Ohne Angst haben zu müssen, wie so oft als "faul" angesehen zu werden, und das man sich einfach nur "zusammenreissen" muss. Denn da ist sie wieder, die Stigmatisierung...

 

Ich muß mir selbst immer wieder sagen: Das ist Teil deiner Erkrankung, keine Charakterschwäche. Es ist in Ordnung, sich so müde, schlapp und kraftlos zu fühlen, auch wenn ich nicht das Gefühl habe, etwas getan zu haben, was diese Müdigkeit rechtfertigen würde. Und es ist in Ordnung, wenn ich mich ausruhe.

 

Nimm´ jeden Tag so, wie er kommt. Genieße es einfach, wenn Du Dich gut fühlst. Akzeptiere es, wenn Du müde und kraftlos bist und handle entsprechend. Gönn´ Dir eine Auszeit, Ruhe, Schlaf und Erholung.

 

Auch nach all diesen Jahren versuche ich noch, das zu lernen...

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